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„Die meisten Bauern produzieren für den Weltmarkt“

Brigitte Hilcher, Regionalbewegung

Glaubt man dem aktuellen Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, legen rund 73 Prozent der Verbraucher in Deutschland Wert auf regionale Lebensmittel. Aber was bedeutet eigentlich regional und wie erkenne ich Lebensmittel aus meiner Region? Darüber habe ich mit Brigitte Hilcher vom Landesverband Regionalbewegung NRW e.V. gesprochen.

Bis vor ein paar Jahren standen Südfrüchte und Co. noch ganz oben auf den Einkaufszetteln der Deutschen. Heute wollen alle Spargel aus dem Rheinland und Kartoffeln aus der Eifel. Warum erleben regionale Lebensmittel gerade so einen Boom?

Ich glaube, diese Entwicklung ist eng mit dem Trend zu einer bewussteren und gesünderen Lebensweise verbunden: Viele junge Menschen in den Städten haben begonnen, sich mehr mit Ernährung und deren Auswirkung auf ihr Leben und ihre Umwelt zu beschäftigen. Aber auch die vielen Lebensmittelskandale der letzten Jahre haben dazu geführt, dass viele Verbraucher nach Erzeugern in ihrer Nähe suchen.

Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung hat gezeigt, dass wir Deutschen Regionalität ganz unterschiedlich definieren. Für die einen umfasst der Begriff den Großraum rund um ihre Stadt, für die anderen ist es ihr Bundesland. Wie definieren Sie Regionalität?

Es gibt keine einheitliche Definition für „regional“ – auch nicht von Seiten des Bundesverband der Regionalbewegung. Es gibt mehrere Möglichkeiten Regionen abzugrenzen: Administrative Grenzen oder auch historische beziehungsweise geografische Grenzen. Die Auswahl von Regionsgrenzen verlangt Fingerspitzengefühl, denn sie muss klein genug sein, um den Verbrauchern von Zugehörigkeit  vermitteln zu können und dennoch groß genug, um eine ausreichende Menge an Produkten zur Vermarktung bereitstellen zu können. Möglichkeiten der Regionsdefinitionen finden sich auch im Handbuch zur Regionalvermarktung, das wir im letzten Jahr veröffentlicht haben.

Anders als der Begriff „bio“ ist „regional“ gesetzlich nicht geschützt, was mitunter dazu führt, dass selbst solche Produkte als regional deklariert werden, die während ihrer Verarbeitung einmal von Schleswig-Holstein nach Polen und wieder zurück gekarrt wurden. Woran erkenne ich wirklich regionale Lebensmittel?

Solange der Begriff gesetzlich nicht geschützt ist, empfehlen wir von der Regionalbewegung auf geprüfte Regionalinitiativen wie bergisch pur oder Genussregion Oberfranken zurückzugreifen oder direkt im Hofladen und auf dem Wochenmarkt nach regionalen Produkten zu fragen. In unserem RegioPortal haben wir mehr als hundert aus ganz Deutschland aufgelistet.

In NRW haben wir Regionalvermarktungsinitiativen ausgezeichnet, die besonders glaubhaft und umweltgerecht wirtschaften, das bedeutet zum Beispiel: Kurze Transportwege, bäuerliche und nachhaltige Erzeugung, Erhalt regionale Arbeitsplätze und regionale Wirtschaftskreisläufe.

Im Supermarkt nach der erstbesten Milch zu greifen geht da natürlich wesentlich schneller, auch wenn die dann vielleicht aus den Niederlanden kommt. Warum lohnt es sich, regionale Lebensmittel zu kaufen?

Wer wirklich regionale Lebensmittel kauft, also nachhaltig und bäuerlich hergestellte Produkte, die auf kurzem Wege vom Erzeuger zum Verbraucher gebracht werden, schützt damit nicht nur die Umwelt, sondern fördert auch die regionale Wirtschaft. Ich erläutere das immer gerne anhand unserer fiktiven Familie Regio. Die Mutter Gisela arbeitet in einem Elektronikbetrieb, Vater Frank betreibt einen kleinen Fahrradladen und Tochter Paula geht in den städtischen Kindergarten. Im Supermarkt entscheidet sich Familie Regio für Bio-Milch von einer Molkerei, die ihre Milch von Landwirten aus dem Umkreis von 100 Kilometer Entfernung bezieht. 65 Prozent des jährlichen Umsatzes der Molkerei fließt an Milcherzeuger wie Bauer Ernst, der seiner Tochter von dem Geld ein Fahrrad in Franks Laden kauft. 20 Prozent zahlt die Molkerei an Einzelhandel, Speditionen und Arbeitnehmer. Die Mitarbeiter der Molkerei investieren das Geld unter anderem in den Kauf von Eigenheimen – und beauftragen für die Elektroinstallationen die Firma, in der Gisela arbeitet. Mit den Steuern, die die Molkerei an die Kommune zahlt, kann die Stadtverwaltung die Erzieher in Paulas Kindergarten entlohnen.

Wirtschaftskreislauf illustriert

Klingt gut. Trotzdem geben immer mehr Landwirte auf, weil sie nicht mehrwirtschaftlich arbeiten können…

Ja, das Höfesterben ist ein großes Thema, das sehr viele Landwirte betrifft. Wir möchten mit unserer Arbeit dazu beitragen, dass Regionalvermarktung als Chance für den Erhalt von bäuerlichen Betrieben in vielen Regionen ermöglicht wird. Aber dazu braucht es strukturelle Unterstützung, denn der Aufbau einer erfolgreichen Regionalvermarktung ist von einem einzelnen Landwirt in der Region, der bisher immer nur für den Weltmarkt produziert hat, nicht alleine zu stemmen. Dazu braucht es mehrere Landwirte, aber auch die Unterstützung von Seiten der Verwaltung und Verbrauchern. Wir arbeiten in NRW gerade mit Bauern, Naturschützern und Wissenschaftlern im Rahmen eines Landesdialog Regionalitätsstrategie an Konzepten, wie wir mehr Produkte regional vermarkten können. Das bedeutet unter anderem Erzeuger und Verarbeiter entsprechend zu schulen und Unterstützungsstrukturen aufzubauen. Außerdem müssen wir weiterhin – wie ja auch seit vielen Jahren mit dem bundesweiten Aktionstag Tag der Regionen – Öffentlichkeitsarbeit für regionale Produkte machen, denn zwar haben viele Verbraucher den Vorsatz, regional einzukaufen, wirklich konsequent machen das nur die wenigsten.

Vielleicht liegt das aber auch daran, dass viele Menschen nicht wissen, wo sie regionale Lebensmittel kaufen können?

Definitiv. Viele Verbraucher haben einfach keine Zeit, von Hofladen zu Hofladen zu fahren. Zum Glück gibt es inzwischen viele unterschiedliche Möglichkeiten, sich mit regionalen Lebensmitteln einzudecken: Neben dem Wochenmarkt, sind Biokisten zum Beispiel eine gute Möglichkeit, schnell und unkompliziert regionale Erzeuger zu unterstützen. Auch bewährte Modelle wie Solidarische Landwirtschaft (siehe Kasten) oder Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften sind interessant. Relativ neu sind dagegen Projekte wie Marktschwärmer, bei denen Produzenten ihre Ware an eine zentrale Sammelstelle in der Stadt liefern, wo die Verbraucher sie dann abholen können. Aber auch Urban Gardening wäre eine Alternative. In manchen Regionen gibt es regionale Lebensmittel inzwischen sogar im Supermarkt – REWE kooperiert zum Beispiel seit einiger Zeit mit der Vereinigung der Hessischen Direktvermarkter e.V. Die RegioApp bietet einen guten Überblick über lokale Einkaufsmöglichkeiten und zeigt auch regionalengagierte Restaurants an.

Danke für das Gespräch, Frau Hilcher!

 

Was bedeutet solidarische Landwirtschaft?

In der solidarischen Landwirtschaft (Solawi) ziehen Erzeuger und Endkonsumenten an einem Strang. Statt die Produkte erst nach der Ernte zu kaufen, finanzieren die Mitglieder der Genossenschaft den landwirtschaftlichen Betrieb mit ihren Anteilen. Dafür erhalten sie im Gegenzug frische, regionale Lebensmittel. Und auch für die Landwirte liegen die Vorteile klar auf der Hand: sie erhalten Planungssicherheit und teilen das Risiko, das die landwirtschaftliche Produktion z.B. durch schlechte Ernten mit sich bringt. Eine Solawi, die auch eigenen Käse produziert ist zum Beispiel der Hof entrup 119 in der Nähe von Münster.

Fotoquelle: Landesverband Regionalbewegung NRW / Grafikquelle: s. Kleingedrucktes

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